"Ich mag Menschen"

(Obermain-Tagblatt / Fränkischer Tag - Ausgabe vom 08.102016)

Barbara Popp-Heimerl begleitet Sterbende auf ihrem letzten Weg. Sie weiß, welche Eigenschaften man als Hospizhelfer braucht. Am 08. Oktober war Welthospiztag. Anlass, jemanden zu Wort kommen zu lassen, der Sterbende besucht, um mit ihnen Zeit zu verbringen - auch um pflegende Angehörige abzulösen.

In der Kreisstadt Lichtenfels baute die Diplom-Pädagogin Barbara Popp-Heimerl vor 20 Jahren einen Verein auf, bei dem Menschen andere Menschen ehrenamtlich auf ihrem letzten Weg begleiten. Einblicke dazu gewährt ein Interview.


Wie viele Menschen haben Sie schon in den Tod begleitet?

Barbara Popp-Heimerl: Das weiß ich nicht, da zähle ich auch nicht mit. Tätig bin ich jedenfalls seit 1996.


Was war der netteste Dank, den Sie je von einem Sterbenden bekommen haben?


Popp-Heimerl: Ich würde es eher so sagen, dass etwas Schönes immer dann passierte, wenn in der Begegnung ein Wandel spürbar wurde; wenn eine als bedrückend wahrgenommene Situation an Gelassenheit gewann. Wenn Mut erwächst, mit der Situation umzugehen.


Was war Ihre Motivation zur Sterbebegleiterin?

Popp-Heimerl: Ich befand mich schon 1994 in einer Lebenssituation, in der ich auch hellwach wurde für den Blick auf die leidvollen Seiten des Lebens. Und somit hellwach für die Lebenswirklichkeit Schwerstkranker und Sterbender.


Wie wurden Sie eigentlich Sterbebegleiterin?


Popp-Heimerl: Wie viele wollte ich mit Sterben und Tod nicht viel zu tun haben. Aber der Impuls von 1994 hat mich zum Handeln gedrängt. Es entstand ein inneres Bedürfnis, mich auch umzuschauen, wo ich mich einbringen könnte. Das verschlug mich bis nach München, wo mir im dortigen Hospizverein jemand zu verstehen gab, ich sei goldrichtig, obwohl ich statt beruflicher Erfahrung auf diesem Gebiet lediglich die Motivation hatte.


Welche Eigenschaften sollten Hospizhelfer mitbringen?

Popp-Heimerl: In jedem Fall Unvoreingenommenheit und Offenheit gegenüber Lebenssituationen, Lebenskonzepten, Ansichten und Schicksalen, die eben nicht unbedingt deckungsgleich mit den eigenen sind, Mut, schmerzhafte Erfahrungen mit auszuhalten und Bereitschaft, sich das Staunen zu bewahren.


Kam es vor, dass Sie sich an einen Sterbenden erst gewöhnen mussten (und umgekehrt)?

Popp-Heimerl: Ja. Es gibt erste Begegnungen, da passiert sofort was auf Sympathieebene. Und es gibt auch solche, bei denen gegenseitige Vertrautheit erst langsam erwächst. Ich versuche aber immer zu erspüren, was noch Zeit und Raum braucht, um ausgesprochen zu werden. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber ich mag Menschen.


Was macht Hospizarbeit für Sterbende so wertvoll?

Popp-Heimerl: Dass sie beispielsweise in einer Beziehung bleiben dürfen, in der Humor, Lachen, Geschichtenerzählen genauso wie Nachdenklichkeit, Trauer, Wut oder Angst teilend stattfinden.
Wie schützen Sie sich vor Routine und davor, einen Sterbenden nur als vorübergehende Aufgabe zu betrachten?
Die Einsicht, dass jeder Mensch einmalig ist und nur einmal vorkommt. Das ist meine Haltung. Verlöre ich diese, würde ich mit Hospizarbeit aufhören.


Waren manche Abschiede für Sie besonders schmerzhaft oder schön?

Popp-Heimerl: Ja. Zwei Beispiele: Wenn man miterlebt und mit aushält, wie jemand in Bitterkeit geht. Oder wenn man erleben darf, wie ein Mensch trotz aller Gebrechen auch noch in den letzten Stunden selbstbestimmt gelebt hat und Freude an Alltäglichem fand.


Glauben Sie, dass wir aufgrund der demografischen Entwicklung auch im Landkreis mehr Hospizhelfer brauchen werden?

Popp-Heimerl: Ich könnte bejahen, da wir alle älter werden und weniger Kinder haben. Andererseits ist ein Hospizverein ja nur die Reaktion auf den Umstand, dass der Umgang mit dem Sterben nicht mehr selbstverständlich ist. Dort müssten wir im Grunde wieder hin. Das könnte Hospizvereine dann auch ruhig wieder überflüssig machen.


Sterbende vertrauen Ihnen Dinge an und Sie unterliegen der Schweigepflicht. Ist das immer einfach?

Popp-Heimerl: Doch. Schweigepflicht ist mir heilig, sie gehört zur Achtung, die man dem Anderen entgegenbringt. Ich deute nicht einmal meinem Mann gegenüber etwas an.


Besuchen Hospizhelfer Sterbende auch in der Nacht?

Popp-Heimerl: Ja, es gibt Nachtwachen.


Was ist für Sie an der Hospizarbeit beglückend?

Popp-Heimerl: Begegnungen mit Menschen und ihren unterschiedlichen Erfahrungen bereichern das Leben, es vertieft es, sofern es nicht beim Smalltalk bleibt.


Würden Sie wieder Hospizhelfer werden wollen?


Popp-Heimerl: Ja. Das ist eine der ganz wenigen Erfahrungen in meinem Leben, die ich nie missen möchte. Ich habe auch Irrtümer begangen in meinem Leben, aber das (Hospiz) war keiner.

Haben Sie noch Angst vor dem Tod?


Popp-Heimerl: Ja, ich gehöre nicht zu denen, die sagen, ich bin so viel Sterbenden begegnet, dass ich die Angst vor dem Sterben verloren habe.


Wenn es bei Ihnen mal soweit ist, würden Sie begleitet werden wollen?

Popp-Heimerl: Das weiß ich wirklich nicht. Jedes Sterben bleibt individuell.

 

Die Fragen stellte Markus Häggberg. Wir danken den Redaktionen des Obermain-Tagblatts sowie des Fränkischen Tages für die Erlaubnis, das Interview auf die Webseite aufzunehmen.